Worte finden – Ein Interview über Resilienz


01.12.2020

Sachorientiert, leistungsbereit, über den Dingen stehend, stark, entscheidungsfreudig: Die Rollenerwartung an Inhousejurist*innen orientiert sich an dem Bild des Felses in der Brandung. Unternehmensanwältinnen und -anwälte tragen für Ihr Unternehmen Konflikte aus, vertreten Interessen, managen Risiken. Doch stetig ansteigender Leistungs- und Kostendruck setzen Reizpunkte.


Studien zur psychischen Gesundheit in den USA zeigen, dass Anwältinnen und Anwälte in den Statistiken stets überrepräsentiert sind. Der Bundesverband der Unternehmensjuristen e.V. (BUJ) wird zusammen mit dem Liquid-Legal-Institute (LLI) eine breite Studie zum Thema „Lawyer Well Being“ durchführen, um repräsentative Zahlen für den deutschsprachigen Raum zur psychischen Gesundheit der Anwaltschaft vorlegen zu können.


Verantwortung für psychische Gesundheit tragen alle


Der BUJ möchte jedoch nicht bei der statistischen Erhebung stehen bleiben, sondern das Thema psychische Gesundheit gewinnbringend aufbereiten, dass jede*r Einzelne einen praktischen Mehrwert für sich selbst oder seine Rechtsabteilung hat. Denn die Verantwortung für die psychische Gesundheit tragen alle, egal ob für sich selbst oder als Leitungsperson für seine Kolleg*innen. Zur Schaffung eines echten Mehrwerts, müssen wir offen über das Thema sprechen und enttabuisieren.

Unter dem Titel „Worte finden“ sollen in diesem ersten Beitrag der 4-teiligen Serie Begrifflichkeiten klargestellt und kontextualisiert werden. Begleitet wird die Serie von Herrn Wolfgang Roth. Er ist Wirtschaftspsychologe, Führungskräfte-Coach und Gründer des Instituts für Resilienz. Im Interview mit Frau Inga Vogt, Leiterin der BUJ Hauptstadtrepräsentanz, gibt er einen ersten Überblick über das Thema. Neben der Beitragsserie in der ZUJ wird es kleine Videobeiträge auf der Website des BUJ zum Thema psychische Gesundheit geben.


Interview mit Wirtschaftspsychologe Wolfgang Roth


Inga Vogt: Sehr geehrter Herr Roth, derzeit befinden sich viele Menschen und Unternehmen in einer wirtschaftlich katastrophalen Zeit. Warum müssen wir uns nun auch noch mit psychischer Gesundheit befassen?


Wolfgang Roth:  Was wir aktuell erfahren, hat eine lange Vorgeschichte. Seit geraumer Zeit verzeichnen wir eine rapide Zunahme an Erschöpfung („Burnout“), sowie psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Aufgrund der noch immer existierenden Tabuisierung und Stigmatisierung von Schwäche, reduzierter Leistungsfähigkeit, Psyche und Krankheit, reden wir nur kaum darüber. Doch nicht umsonst wurde bereits 2013 die Gefährdungsbeurteilung um die Erhebung psychischer Gefährdungspotentiale ergänzt. Die aktuelle Situation belastet Mensch und Unternehmen zusätzlich und bringt das bisher noch Verborgene deutlich(er) an die Oberfläche. Wir sollten also längst intensiver über Psyche, psychische Belastung und Resilienz diskutieren.


Inga Vogt:  Das Wort Resilienz taucht derzeit vermehrt im Zusammenhang mit der Corona-Krise auf. Was bedeutet Resilienz und wie grenzt man diese zu anderen Termini wie Stressmanagement oder Burn-Out-Prävention ab?


Wolfgang Roth: Resilienz wird häufig als psychische Widerstandsfähigkeit beschrieben, sie ist jedoch wesentlich mehr. Resilienz ist bio-psycho-soziale und spirituelle Kraft, die sich durch folgende vier Faktoren kennzeichnen lässt:


  • Selbstvertrauen
  • Soziale Unterstützung
  • Selbst-Mitgefühl
  • Sinn

Wer sich selbst vertraut, sozial unterstützt fühlt, in Kontakt mit seinen Gefühlen ist, und Sinnhaftigkeit in seinem Leben spürt, der kann auch in kritischen Lebensphasen, wie aktuell, sein Gleichgewicht bewahren. Wer ins Ungleichgewicht kommt, kann sich zur Stabilisierung an diesen „4S“ orientieren. Stress kommt ebenfalls aus den oben genannten vier Bereichen. Wir können diese immer wieder auf Krafträuber und Kraftspender hin untersuchen. Das Resilienz-Modell gibt uns die Möglichkeit, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden integral und ganzheitlich zu betrachten. Wir sollten Resilienz nicht auf psychische Widerstandsfähigkeit reduzieren.“


Inga Vogt: Biologisch, Sozial, Psychologisch und Spirituell – das werden die vier Bereiche der Resilienz sein, die wir uns in den kommenden Ausgaben näher anschauen. Das sind alles Bereiche, in denen der einzelne für sich selbst Verantwortung trägt. Aber trägt auch der Arbeitgeber Ihrer Meinung nach für diese Bereiche Verantwortung?


Wolfgang Roth: Gesundheit braucht in erster Linie Selbstverantwortung. Wir dürfen unsere individuellen Antworten darauf finden, was wir für unser Wohlbefinden brauchen. Erfreulich wäre es, wenn unser Bildungs- und Erziehungssystem, diese Selbstverantwortung stärker fördern würde. Immer mehr Kinder und Jugendliche erkranken bereits psychisch. Es bräuchte dringend mehr Gesundheitskompetenz, idealerweise frühzeitig und präventiv. Selbstverständlich tragen Unternehmen und deren Führungskräfte eine (Mit-) Verantwortung für die Gesundheit der Menschen. Diese sollten die Gefährdungspotenziale ganzheitlich erforschen. Biologisch, psychologisch, sozial und hinsichtlich der Sinnhaftigkeit (Spiritualität). Immer mehr Führungskräfte gehen in die Erschöpfung, weil ihr Wertegerüst und ihr Sinnerleben im Arbeitskontext nicht berücksichtigt wird.


Inga Vogt: Sie beraten seit etwa zehn Jahren Führungskräfte und Unternehmen. Was sind die größten Herausforderungen, denen Sie begegnen?


Wolfgang Roth: Eine der größten Herausforderungen ist die Tabuisierung und Stigmatisierung von Erschöpfung, sowohl in unserer Leistungskultur als auch bei den Führungskräften selbst. Sie betrachten Erschöpfung und Burnout nach wie vor als Schwäche und Scheitern und ziehen sich, wenn sie selbst davon betroffen sind, mit Schamgefühlen und Selbstzweifeln eher sozial zurück, als darüber zu sprechen. Öffnung findet nur in einer Parallelwelt statt, in der Beratung, im Coaching oder auch der Therapie. Immer mehr Führungskräfte verbringen Wochen und Monate in psychosomatischen Kliniken. Wir brauchen dringend eine Sensibilisierung und Entstigmatisierung, was Psyche anbelangt. Solange Menschen jedoch noch mit negativen Auswirkungen rechnen müssen, wenn sie sich mit einer psychischen oder psychosomatischen Erkrankung „outen“ – wie zum Beispiel beim Abschluss von Berufsunfähigkeitsversicherungen – ist die Hürde noch sehr hoch.


Inga Vogt:  Ja, dieses Tabu, von dem Sie sprechen, habe ich auch in Gesprächen am Rande der BUJ-Studie zur psychischen Gesundheit wahrgenommen. Woher kommt das?


Wolfgang Roth: Wir leben in einer (Turbo-)Hochleistungsgesellschaft, in einem permanenten „Schneller, höher, weiter“. Wachstum steht an erster Stelle. Dieses Wachstum braucht Leistung. Und daran wird der Mensch gemessen. Selbst bei vorübergehender Minderleistung werden Menschen im Arbeitsumfeld schnell als „Low Performer“ abgestempelt. Um dies zu vermeiden, versuchen viele Menschen die Fassade der Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, auch wenn die Kräfte längst geschwunden sind. Eine gefährliche Spirale, denn wenn ein bestimmter Punkt überschritten wird, steigt die Gefahr der Chronifizierung der Erkrankung, und somit eine dauerhafte Leistungsminderung.

Die Stigmatisierung verhindert die frühzeitige Inanspruchnahme von Unterstützung, die sinnvoll und notwendig wäre.


Inga Vogt: Also müssen die vier Bereiche der Resilienz auch noch auf verschiedenen Ebenen betrachtet werden: politisch/gesellschaftlich, unternehmensintern sowie individuell?


Wolfgang Roth: Eine wesentliche Frage, die Sie stellen. Selbstverantwortung ist das eine, doch reicht sie längst nicht aus. Wir leben in Verhältnissen, die unsere Gesundheit mit beeinflussen. Unser Bildungssystem sollte Resilienz präventiv schulen und trainieren. Unternehmen sollten ihre Auszubildenden frühzeitig in Gesundheitsthemen fördern. Für Führungskräfte sollte Gesundheitskompetenz, neben der Fachkompetenz, an oberster Stelle stehen, um sich selbst und andere gesund führen zu können. Dazu gehören zwingend soziale, emotionale und sinnstiftende Kompetenzen. Menschlichkeit ist ein wesentlicher Faktor. Wir dürfen gemeinsam menschlichere Verhältnisse gestalten. Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt, auch wenn dies in Hochglanzbroschüren immer wieder betont wird. Er hat sich dem Wachstum, der Leistung und dem Ergebnis unterzuordnen. Solange wir diese Kultur und dieses Menschenbild weiterhin pflegen, werden wir zunehmend in die Erschöpfung gehen. Alle Systeme und jeder Einzelne sind in der Verantwortung, gemeinsam ein gesünderes (Zusammen-)Leben zu kreieren.


Inga Vogt: Herr Roth, ich danke Ihnen für diesen ersten Überblick und auch für die Begriffsdefinitionen, damit wir in den kommenden Ausgaben weiter über das Thema diskutieren können. Noch eine letzte Frage: Wenn sich jemand allgemein überlastet fühlt, ausgebrannt oder wenig widerstandsfähig, was ist ihr Rat? Was ist der erste Schritt, den die betroffene Person tun sollte?


Wolfgang Roth:  Der erste Schritt braucht Mut. Holen Sie sich frühzeitig Unterstützung. Je früher, desto besser. Wenn wir Zahnschmerzen haben, gehen wir zum Zahnarzt. Wenn wir Schwimmen lernen wollen, zum Schwimmlehrer. Warum holen wir uns bei psychischen Schmerzen keinen Profi an Bord, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen?

Springen Sie über Ihren Schatten und gehen in die Selbstfürsorge.

Tun Sie sich Gutes.“


Inga Vogt:  Vielen Dank für das Gespräch. 


Ausgabe 6/2020

Das Interview mit dem Resilienzberater Herr Roth stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZUJ (06/2020).  

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